Samstag, 26. November 2016

Rezension: Bobby Dollar - Die dunklen Gassen des Himmels von Tad Williams (Klett-Cotta)

Himmel. Hölle. Und dazwischen Bobby Dollar, ein vorlauter Engel inmitten einer verwirrenden Handlung!

Doloriel alias Bobby Dollar hat als Anwaltsengel der jüngst Verstorbenen nicht gerade den besten Beruf erwischt, den es für einen Engel auf der Erde gibt. Jeden Tag aufs Neue sucht er seine Klienten auf, verteidigt sie, damit sie in den Himmel kommen - oder auch in die Hölle, wenn die Ankläger aus der Hölle schlagkräftiger sind. Alles in seinem Leben läuft einigermaßen normal - bis plötzlich die Seele eines verstorbenen Mannes spurlos verschwindet! Ausgerechnet für diese Seele war Bobby zuständig und kann sich nicht mehr aus dem drohenden Streit zwischen Himmel und Hölle befreien, weil beide Seiten einander anklagen, die Seele gesetzwidrig genommen zu haben. Und als ob dies nicht schon genug wär, entdeckt Bobby neben einer magianischen Geheimgesellschaft auch, dass der Himmel ein viel düsterer Ort ist, als es scheint ...

Tad Williams ist im Fantasy-Genre ein großer Name und ich habe schon so manches von ihm gelesen, darunter den phänomenalen Wälzer ,,Der Blumenkrieg". Deshalb habe ich nicht lange gezögert, noch mehr von ihm zu lesen, weil ja fast immer gelobt wird, wie vielseitig, einzigartig und durchgeknallt Tad Williams' Bücher sind.
*seufz* Okay, wie fange ich jetzt am besten die Rezension an? Denn, wie vielleicht allmählich erkennbar wird, gab es im ersten Band der Bobby-Dollar-Trilogie ,,Die dunklen Gassen des Himmels" Strecken, wo ich wirklich von Herzen glaubte, dass dies eines der besten Bücher aller Zeiten sein könnte! Bis ich mich ein paar Kapitel später zu langweilen begann und nur der intelligente Wortwitz des rüpeligen Bobby mich zum Lächeln bringen konnte. 

Ja, wirklich, Bobby Dollar IST ein umwerfender Engel, einer, der fast alles hinterfragt, gerne vor sich hin flucht und ein Großmaul ist, viel herumballert (rasante Action gibt es in diesem Buch zu 100%, aber das ist schließlich das Tolle 😀) und in seiner Seele - nennt man das bei Engeln so? - auch mal tiefe Abgründe zeigt. Doloriel ist zu einem meiner Lieblings-Buchfiguren geworden, denn Tad Williams hat sich viel Mühe gegeben, einerseits das christliche Himmel & Hölle-Prinzip aufrecht zu erhalten und hat gleichzeitig alle Engel-Klischees mit Freuden zertrümmert. Nur um Beispiele zu nennen: Sweetheart, allem Anschein nach ein Transvestit-Engel; Sam, der sich so lange betrunken hat, bis seine frühere Menschenhülle starb und er eine neue brauchte; und eigentlich auch alle anderen Engel, einer verrückter als der andere. Am Anfang musste ich mich erst mal damit zurechtfinden, dass die Engel hier so gewöhnungsbedürftig drauf sind. Andere Leser werden sich bestimmt nicht mit den Engeln, die manchmal sogar Witze über Blowjobs reißen, gut zurechtfinden.

Casimira ist Bobbys totales Anti-Gegenstück: Ich konnte die schnulzige, schnodderige Caz-Bobby-Liebesgeschichte von Anfang bis Ende nicht ernstnehmen, nicht nur weil sie eine Dämonin ist und er ein Engel. Die beiden verbindet im Prinzip doch gar nichts! Das ist genau wie bei der Handlung - für die hat Tad Williams mindestens 5 Grundkonflikte miteinander verwoben, ohne dass mir klar war, worum's jetzt eigetlich exakt ging! Ein stierhaftes Monster, eine magianische Gesellschaft, ein mysteriöses Objekt, eine von Anfang an dämliche Liebesgeschichte, eine Verschwörung im Himmel, ein viel zu überstürztes Finale, Bobbys allgemeine Midlife-Crisis ... Und das alles in einem einzigen Buch!!

Denkt jetzt nicht, dass das Negative an ,,Die dunklen Gassen des Himmels" überwiegt. Es gibt einfach ein paar Aspekte, die mir tiefe Stirnrunzeln ins Gesicht gezeichnet haben, weil sie diesem  völlig abgedreht tollen Urban Fantasy-Buch erhebliche Stoßdämpfef aufhalsen. Deswegen werde ich Bobby nicht im Stich lassen und als nächstes wieder in ,,Happy Hour in der Hölle" auf seinem unvorhersehbaren, verrückten Weg begleiten. 

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