Montag, 5. September 2016

Montagsfrage: Habt ihr ein schlechtes Gewissen gegenüber Protagonisten, wenn die bspw. hungern müssen und ihr nebenher futtert?

Es scheint mir fast schon, dass Ewigkeiten vergangen sind, seit ich bei einer Montagsfrage mitgemacht habe. Das will ich ab sofort ändern, weshalb es sofort mit etwas losgeht, was mir nie zuvor in den Sinn gekommen wäre: Habt ihr ein schlechtes Gewissen gegenüber Protagonisten, wenn die bspw. hungern müssen und ihr nebenher futtert?

Puuuh, Mitleid/ Empathie ist nicht gerade meine größte Charakterstärke, wisst ihr, obwohl ich mich beim Lesen problemlos in eine Figur hineinversetzen kann. Mitleid habe ich manchmal, wenn mir eine bestimmte Figur extrem ans Herz gewachsen ist. Ich habe gerade die Odd-Thomas-Reihe von Dean Koontz angefangen und Odd Thomas wird mir jetzt immer als eine der liebenswürdigsten Gestalten der Buchwelt im Gedächtnis bleiben. Was am Ende von ,,Odd Thomas - Die Anbetung" passiert ist, ruiniert jedem die gute Laune, außer der Leser hat ein Herz aus Granit oder mag das Buch von Anfang an nicht. Da ist Mitleid meiner Meinung nach schon angebracht, aber auch nicht zu viel.

Bei Protagonisten handelt es sich im Grunde schlißelich nur um Fiktives, weshalb ich kein schlechtes Gewissen habe, wenn sich eine Figur mit leerem Magen durch die Gegend quält und ich mir z.B. ein Stück Pflaumenkuchen in den Mund schiebe. Bekomme ich deswegen "Schuldgefühle"? Nö, weil es sich bei dem allerbesten, spannendsten, unglaublichsten Buch am Ende nur um eine Geschichte geht, die ein Autor entworfen und aufgeschrieben hat. Ich schiebe mir eher ein zweites Stück in den Mund, als meinen überlebensnotwendigen Kuchen wegzulegen mit dem Gedanken: ,,Aber nein, XY hungert gerade, wie kannst du da was mampfen?"

Klar mag ich es sehr gerne, wenn Autoren ihre Figuren so echt und menschlich machen wie möglich, mit Momenten der Freude und des Leides. Ich freue mich mit ihnen, aber wenn jemandem etwas Schlimmes zustößt, reiße ich eher die Augen auf, um zu erfahren, was weiter passiert, als mich in Mitleid für jemand Fiktiven zu suhlen. Ich bin, wenn es um, dramatische Konflikte in Büchern geht, eher der Schaulustige am Rande, dem es nur um den Nervenkitzel geht.
Ist es es bei euch auch so oder würdet ihr tatsächlich euer absolutes Lieblingsessen wegen einer hungergequälten Buchfigur weglegen?

Kommentare:

  1. Huhu Julia,

    nein. Auf keinen Fall! :D Ich sehe das wie du: jedes Mitgefühl hat Grenzen und ich finde auch, dass das wichtig ist. Selbst wenn man eine phänomenale Geschichte erleben darf, man ist kein Teil davon. Es wäre doch arg ungesund, wenn ich plötzlich aufhören würde zu essen, nur, weil der Protagonist hungert, oder nicht?

    Montagsfrage auf dem wortmagieblog

    Viele liebe Grüße,
    Elli

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    1. Völlig richtig :) Da fällt mir gerade ein, was wäre, wenn ein Autor ein Buch schreiben würde, das damit endet, dass der Protagonist z.B. einfach in einem Kerker zu Tode verhungert? Das wäre, sagen wir mal so, eine sehr ,,ungewöhnliche" Art ein Buch zu beenden :)

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  2. Mir geht es ähnlich wie dir :-) Ich empfinde sehr, sehr selten Mitleid und generell empfinde ich eher Zuneigung oder Sympathie für einen Protagonisten, als dass ich mit ihm emotional mitfühlen würde. Bei manchen Charakteren entwickele ich aber hin und wieder ein so große Zuneigung, dass ich sauer wäre, wenn diese Person stirbt. In der Regel lächle ich ja still vor mich hin, wenn jemand gerade seine ultimativen Pläne zum Erlangen der Weltherrschaft erläutert, jemanden foltert oder so. - Ich habe insgesamt auch nur zwei Mal (in meinem ganzen Leben, soweit ich mich erinnern kann) wegen Büchern geweint, also da muss ein Buch bzw. Der Autor schon verdammt gut sein oder zumindest emotional mitreißend!

    LG
    Hanna

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    1. Ja, sauer kann ich bei unverdienten Todesfällen werden, obwohl es mich fast schon eher wurmt, wenn eine unausstehliche Figur nicht endlich seine/ ihre verdiente Abreibung bekommt. Antihelden mag ich total gerne, aber bei manchen Fieslingen würden mir eher die Freudentränen kommen, sobald sie endlich weg sind oder ihnen etwas zustößt (ich habe mir in ,,Harry Potter" eher für Dolores Umbridge einen teuflischen Fluch gewünscht als für Lord Voldemort)

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  3. Liebe Julia,

    wie mich ein Buch berührt oder nicht, ob ein Protagonist hungert oder z.B. traurig ist, kommt natürlich auch immer ganz darauf an, ob es sich um eine fiktive Geschichte handelt oder nicht.

    Auch fiktive Geschichten berühren mich oder machen mich betroffen, wütend, traurig usw. und dass ist auch gut so. Aber ein schlechtes Gewissen, wenn ein Protagonist in einer erfundenen Story verhungert, habe ich definitiv nicht.

    Anders ist meine Lese-Situation natürlich, wenn ich weiß dass es sich um eine reale Geschichte handelt. Ich möchte nicht unbedingt sagen, dass ich dann ein schlechtes Gewissen habe, aber ich werde dadurch angestoßen meine eigenen Handlungen im Alltag zu überdenken, um verantwortungsbewusster zu agieren. Diese Reaktion bzw. Haltung halte ich für absolut gesund und wichtig.

    Viele Grüße

    Nisnis

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    1. Aus so einer Perspektive habe ich das nicht betrachtet, aber da hast du recht. Ich finde so oder so schon, dass man durch Bücherlesen sein eigenes Verhalten bessern kann und bestimmt würde ich bei sehr bewegenden Biographien auch viel nachgrübeln. Allerdings lese ich so gut wie nie biographische Literatur, abgesehen von zwei Tolkien-Biographien, die mir sehr gefallen haben.

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  4. Hallo,
    mir geht es ähnlich. Allerdings habe ich meine Frage noch ein wenig erweitert, nämlich um die Frage, welche Wichtigkeit oder welchen Stellenwert das Essen für uns hat. Meine Antwort auf vielleserin.de hast du ja bereits gefunden.
    Viele Grüße,
    Marie

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