Dienstag, 20. Oktober 2015

Rezension: Wächter des Tages von Sergej Lukianenko (Heyne)

Wächter des Tages - das zweite Buch aus Lukianenkos grandioser Wächter-Reihe!

Lang ist es bereits so, dass die Mächte von Licht und Dunkel in einem ewigen, unversöhnlichen Streit verwickelt sind. Die Anderen leben unter uns, verborgen durch ihre Magie, aber es gibt sie überall, um darüber zu wachen, dass die Menschen nicht von Licht oder Dunkel bedroht werden, Der Große Vertrag kontrolliert und versichert, dass das Licht nicht das Dunkle obsiegt und das Dunkle nicht mächtiger wird als das Licht. Nur die Anderen, ein besonderes Menschengeschlecht, und die Vampire und Gestaltwandler besitzen die Fähigkeit, ins Zwielicht zu tauchen, in dem jede Macht gleichgestellt ist und nur die eigene Stärke der Magie zählt. Besonders in der russischen Metropole Moskau, ebenso verkommen-düster wie glorreich-prächtig, stehen sich mit unverhohlenem Hass die Nachtwache  der Lichten und die Tagwache der Dunklen gegenüber.
Seit den Triumphen der Moskauer Tagwache, wo der Lichte Anton Gorodezki maßgeblich wichtig  ist, regen sich die Dunklen Anderen. Sebulon, der Chef der Dunklen, fängt an, ein intrigantes Spiel.
Die Dunkle Hexe Alissa hat nach einem fatalen Zauber all ihre Kräfte verloren und wird ins Kinderferienlager Artek auf Krim geschickt, um dort Energie den glücklichen Kindern zu entziehen. Geschickt gesäte Alpträume, blutig wie auf kindliche Weise unschuldig, werden zu ihrer Nahrung, um wieder zu erstarken. Doch Alissa, die immer nur an Dunkel und Licht glaubte, muss sich plötzlich einer neuen Macht stellen, als sie den gut aussehenden Igor im Lager kennenlernt und feststellt, dass eine Liebe zwischen Licht und Dunkel nur tödlich enden wird ...

Wie das blaue Moos im Zwielicht steigert sich die Spannung in Moskau, als unvermittelt ein extrem starker Anderer namens Witali Rohosa Moskaus Szene betritt. Witali hat keine wahrhaftigen Erinnerungen mehr, doch in ihm verbirgt sich ein zwielichtiges Geheimnis, dass die Tag- und Nachtwache in einem rasanten Kampf aufeinanderhetzt. Witali ist ein Spiegel dafür, dass das Dunkle wieder an Macht gewinnt, während gleichzeitig aus Bern die legendäre Kralle des Fafnir, dem Zwielicht-Drachen, gestohlen wird. Ein Ablenkungsmanöver? Oder eine von Sebulons erst zusammenhanglosen, danach gefährlichen Intrigen?

Zusammen mit dem Verschwinden der Klaue des Fafnir taucht wieder die Dunkle Sekte der Regin-Brüder auf, aber sie ahnen nicht, dass ihr gesamtes Handeln nichts ist als ein Spiel, bei dem die Bauern geopfert werden. Drei zufällige Ereignisse - Alissas Tod, Witali Rohosa und die Reise der Tag- und Nachtwache nach Prag - zeigen erst am Schluss, wie komplex die verwirrenden Intrigen von Geser, Chef der Nachtwache, und Sebulon sind ... Und was die Zukunft nach dem Silvesterabend des Jahres 2000 bringen wird, ist unvorhersehbar wie ein beseitigtes Schicksal ...

,,Wächter des Tages" von Sergej Lukianenko ist das zweite Buch aus der Wächter-Reihe um die Anderen aus Moskau. Dieses Moskau ist phantastisch und gefährlich, weil Licht und Dunkel sich gegenseitig - trotz des Großen Vertrages - bekriegen. Vampire, Hexen, Wwerwölfe und andere Gestalten leben unter den Menschen, ohne dass letztere es wirklich ahnen. In ,,Wächter der Nacht" wurde ausführlich auf die ,,gute" Lichte Nachtwache eingegangen. Die so genannte ,,böse" Tagwache steht im Vordergrund in ,,Wächter des Tages".

Wie immer hat Lukianenko einen detaillreichen Schreibstil, der facettenreich die Atmosphäre wiedergibt. Es ist, als könnte das Buch atmen! Gleichzeitig legt Lukianenko nicht diese klassische Barrikade zwischen Gut und Böse: die Tagwache ist nur freiheitlicher als die Nachtwache, die aus der Sicht der Dunklen ,,schlecht" ist.
Wie zuvor spielen im Buch drei Geschichten, die einzeln an sich keinen Zusammenhang ergeben. Dann plötzlich im letzten Abschnitt verknüpft sich alles und sogar Geschehnisse aus dem ersten Buch bekommen einen neuen Sinn. Neue Fragen werden aufgeworfen, alte Fragen teilweise gelöst und der Leser weiß nie, was als nächstes passieren wird.

Ich konnte es am Ende kaum glauben, wie anders plötzlich die Tatscachen wirkten, von denen ich erst glaubte, sie seien nur nebensächliche Details! Lukianenko ist ein Meister darin, seine Charaktere glaubwürdig und sympathisch zu gestalten - der Slawe, der Afrikaner und der Asiate, die alle gebürtige Finnen sind und einer dunklen Sekte angehören. Der trockene Humor in den Büchern, angereichert mit gesundem Sarkasmus, kann einem nie genug werden.

Ich will so schnell wie möglich in das ,,andere" Moskau zurückkehren. Dafür lasse ich die Stärke des Kraftprismas und die weltzerstörende Wut der Kralle des Fafnir in mich strömen, bevor ich in einer geschmeidigen Bewegung das Zwielicht zerbreche und 5 Sterne aus dem ewigen Nichts der Toten hole, damit ihr unsterblicher Glanz mit Liebe und Hass den Krieg zwischen Licht und Dunkel bescheint.

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