Sonntag, 21. Juni 2015

Fantasy-Erzählung: Der Fall von Sorngaltia (Part 5 - letzter Teil)

Der Fall von Sorngaltia

Aus der Schwärze des Himmels, in die Loste sich schwang, stießen wie Dämonen unzählige dieser Geflügelten Menschen hinab. Wie Falken der Hölle griffen sie die Sorngaltier an, die nur Schreie des Schreckens ausstoßen konnten. Geschrei, Gefallene und wirbelnde Waffen verwandelten alles in ein Schlachtfeld. Wie viele Geflügelte Krieger es waren, konnte Arklat nicht zählen.

Sie sind uns auf jeden Fall überlegen, dachte sie niedergeschmettert und stach mit der Speerspitze nach einem dieser Krieger. Sein Helm war ein metallischer Falkenkopf und er rauschte über sie hinweg, ohne dass seine Rüstung einen Kratzer zurück behielt.

Nach weniger Zeit hatten die Angreifer Feuer in den sorngaltischen Hütten gelegt. Arklat sah überall nur Feuer und die zuckenden Leiber derer, die soeben die Welt verließen. Sie hatte in dem Gemenge ihren Speer verloren und eine pochende Wunde in ihrem Oberschenkel, der ihr Gewicht nicht mehr zu tragen vermochte. Wortlos entsetzt sackte sie inmitten der Schlacht zu Boden. Ihr Gehör vernahm kaum den schrecklichen Lärm, der ihren Geist in die Knie zwang. Die Fremden aus dem Imperium Antordis hatten Oberhand. Es gab nur wenige Gefallene auf der Seite von Antordis, dessen gefallene Krieger wie Vögel vom Himmel stürzten und auf die Erde prallten. Dort am Boden sackten nacheinander die Sorngaltier zu Boden und regten sich nie wieder.


O großer Gott Tuhi, dachte Arklat und strich sich zitternd ihr von Blut verklebtes, blaues Haar hinter die Ohren. Warum muss Sorngaltia fallen? Es ist meine Heimat, die Heimat von uns allen! Wo bleibt die Gerechtigkeit, die soeben mit meinem Volk getötet wird?
Die sorngaltischen Jäger stießen schrille Kampfschreie aus, von oben riefen die Fliegenden Schlachtrufe und Verwünschungen. Warum ist Loste nicht der, den ich zu kennen glaubte?

Neben sie krachte ein Geflügelter Mensch auf die matschige Erde und sein Helm hatte sich vom Kopf gelöst. Eine klaffende Wunde in seiner Brust machte den Schnee dunkler, als er ohnehin schon war. Benommen zog Arklat den Falkenhelm von seinem Kopf und sah einen Mann mittleren Alters. Seine Flügel waren weich und so graubraun wie die einer Wildtaube, mit kaum merklichen Mustern. Er hatte sonnengelbes Haar und dieselbe Haut wie Losten, rosig wie die Knospen der Wildkirsche und nicht so grau wie Asche und Stein. Als Arklat die Ähnlichkeit sah und ihre bisherige Welt in Flammen und Kampf aufging, legte sie den Kopf in den Nacken und brüllte wahnsinnig den Himmel an. Ihr Schrei war der entfesselte Schmerz, der sich um ihr Herz legte und dort alles zerfetzte, was ihr lieb war.

Der letzte Kämpfer fiel zitternd auf den Boden, die Hände auf seine tiefen Bauchwunden gepresst. Blutspuckend verfluchte er sein Schicksal, das in einer vom Wind getragenen Zerstörung das Land Sorngaltia getötet hatte.
In rauchendem Schutt lagen alle falkbergischen Gebäude. Nur Arklat, die von Schmerz betäubt am Boden gekauert hatte, war als einzige Überlebende die letzte des Volkes von Sorngaltia.

Kreisförmig landeten um sie herum die Geflügelten Krieger, Losten und der Fürst waren an ihrer Spitze. König Losten betrachtete regungslos die Umgebung, wo furchtbare Zerstörung gewütet hatte, während am Himmel bereits der Morgen graute. Doch es war nur ein mürrisches, unheilbringendes Glühen im Osten von Sorngaltia.

*

Kein Sieg ohne Schmerz, stellte Losten fest. So war es schon immer, aber nach Kriegen kam immer ein aufblühender Neubeginn. Es braucht nur etwas Zeit, aber gute Zeiten kommen irgendwann immer.

Neben ihm steckte die Fahne von Antordis in den rot gefärbten Schneematsch, der unter den Stiefelsohlen schmatzte und schnalzte. Kein Wind drehte sich um die Berge, wo von allen Kuppen Feuer und Rauch qualmten; der Fürst - dessen ganzer Name Fürst Petaroy von Antordis war und der seit den Rebellionen in Antordis immer nach dem Prinzen gesucht und dessen Thron freigehalten hatte - sandte die stärksten Krieger aus, um alle Siedlungen der Sippen vollkommen zu zerstören. Das sorngaltische Volk existierte nicht mehr, alle wurden in der Nacht ihres wichtigsten Festes, Tuhi Abalant, vernichtet.

Losten spürte, dass auf seiner Gesichtshaut nach wie vor die rote, feinkörnige Farbe klebte. Mystische Wellenlinien waren zu Schlieren zerronnen. Er befahl einem Krieger in seiner Nähe, irgendwo einen Eimer klaren Wassers zu bringen.
Fürst Petaroy trat neben seinen neuen König, der sich mit den Fingernägeln die Farbe vom Antlitz kratzte und sein Gesicht in dem Eimer klaren Wassers wusch. Die ganze Farbe fiel ab und färbte das Wasser rötlich wie verdünntes Blut.
,,Majestät”, begann der Fürst, nachdem er sich vorsichtig geräuspert hatte. Er zog den Falkenhelm von seinem Kopf und hielt ihn in der Armbeuge.
,,Was ist, Fürst Petaroy? Wir haben beide viel zu besprechen, aber wegen Ihrer bittenden Tonlage ziehe ich den Schluss, dass Sie eine wichtige Frage loswerden wollen.”
,,Soll man dieses Mädchen verschonen?”, erkundigte sich der Fürst und machte eine undeutliche Geste Richtung Arklat. ,,Es ist bereits ein Wunder, das sie überlebt hat. Sie muss zäh sein, allerdings bewegte sie sich gar nicht vom Fleck, als wir gelandet sind. Als befände sie sich in einer Betäubung.” Seine Flügel zuckten unregelmäßig, was auf einen unterdrückten Widerwillen hinwies.
Das ist das letzte von meinem alten Ich, dachte Losten und tauchte noch einmal das Gesicht unter Wasser. So eisig kalt war es, dass er bei Auftauchen nach Luft schnappte und die Zähne sogar wehtaten. Nun bin ich wieder König Losten, ganz ich selbst.

,,Lasst sie am Leben”, befahl Losten. Er legte eine sehr ernste Gesichtsmiene auf, die seinen innerlichen Siegesrausch nicht genug verbarg. ,,Wir werden noch vor Abendstunde wieder nach Antordis fliegen, meiner und unserer Heimat. Arklat war für mich jahrelang eine gute Lehrerin. Wenn sie schon überlebt hat, soll sie als letzte Nachfahrin des Landes Sorngaltia an meinem Hofe in Antordis leben.”
Fürst Petaroy überdachte den Vorschlag, doch des Königs Wort stellte man für gewöhnlich nicht in Frage. Selbst wenn es um eine junge, grauhäutige und blauhaarige Wilde ging, die Silberbesteck vermutlich als Blankwaffe im Kampf benutzen und grobe Schafswolle Seidenkleidern bevorzugen würde. Obendrein noch eine Wilde, die völlig geistesabwesend und mit leerem Blick am Boden kauerte, wo zerstampfter Schnee und Blut die Erde ihrer bergigen Heimat durchdrang.
,,Selbstverständlich, mein hoher König”, sagte Fürst Petaroy schließlich. Er verbeugte sich tief vor dem neuen König des Imperiums Antordis. Diesem glorreichen Imperium gehörte seit dieser Nacht die ganze Welt, die bei jeder Morgenröte von einem Lichtkranz der aufgehenden Sonne umschlossen wurde. 

*

Mein Name ist Tarolir, Erster Schreiber am Hof von König Losten, dem Ersten seines Namen. Dies ist eine Erzählung, die ich im Vertrauen für mich niedergeschrieben habe. Ob das Geschehen sich genau wie in meiner Geschichte abgespielt hat, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass der Fall von Sorngaltia plötzlich und blutig gekommen war.

Ich bin der Sohn von Arklat Sorngaltia. So heißt sie heute bei uns, wo sie eine freie Frau von Antordis ist. Arklat Sorngaltia steht unter dem persönlichen Schutz von König Losten, mit dem sie noch heute gelegentlich zur Jagd ausziehen darf. Die warme Landschaft fasziniert meine Mutter; sie staunt jeden Tag aufs Neue über die Bäume, die immer grün sind und bunte Früchte tragen. In dem vielen Sonnenlicht ist ihre Haut heller geworden und weist nun ein mattes, rosiges Schimmern auf.
Mein Vater ist Fürst Petaroy, der bereits ein Jahr nach Arklats Ankunft in Antordis leidenschaftlich um ihre Hand anhielt. König Losten erlaubte die Heirat, denn Fürst Petaroy von Antordis meinte es ernst und war von Grund auf ein ehrlicher Mann. Meine Mutter, Arklat, willigte ebenfalls ein. Viel erzählte sie mir aber nie zu der Geschichte, wie sie und Vater zusammen gekommen waren.

Heute bin ich ein weitbekannter Gelehrter und zähle dreißig Jahre. Meine Haut ist gräulichweiß mit hellen, rosa Stellen. Das Haar ist hellbraun wie bei Vater, aber mit dem dunkelblauen Glanz, dessen Farbe auch die sorngaltischen Sommernächte hatten. Die grünen Augen und sandfarbenen Flügel bei mir sind die des Vaters.

Insgeheim denke ich oft, dass ich nicht normal bin. Dieser Gedanke, welcher mir einflüstert, dass ich eine Ausgeburt zweier Menschenvölker sei, schleicht immer in meinem Hinterkopf umher. Wie ein Dämon kriecht er durch mein Herz, um die Samen des Selbsthasses auszusäen.
Aber das ist nicht wahr. Das schwöre ich bei den Namen der Völker, von denen ich abstamme - den Geflügelten Menschen und den Sorngaltiern. Wie ein wahres Wabragnan muss ich kämpfen, um mich im Leben zu bewähren.

Ich bin ein wahrer Antordisianer, der in seinem Blut das Erbe der Sorngaltier fließen hat. Die Momente, in denen ich mich selbst verabscheue, werden mitunter von einem riesigen Selbststolz überflutet. Dann stelle ich mir vor, wie früher einmal die Sorngaltier durch die kristallscharfen Schneestürme wanderten und bewiesen, dass selbst die Feinde Tuhis nicht stark genug waren, um Sorngaltia zu schwächen.

Die Nördlichen Gebirge, ehemals Sorngaltia genannt, sind seit mehr als drei Jahrzehnten noch immer eine unfreundliche, kalte Wildnis. Das Land Sorngaltia und sein Volk waren in Blut und Schmerz untergegangen, aber die freie Natur kämpft weiter wie ein schwarzes Wabragnan mit drei Hörnern.

(Wer die ganze Erzählung lesen möchte kann sie hier herunterladen: Der Fall von Sorngaltia - epub/mobi/pdf )  

Kommentare:

  1. Huhu!

    Wie gesagt, die Gedanken immer noch kursiv!

    „Nach weniger Zeit hatten die Angreifer Feuer in den sorngaltischen Hütten gelegt.“
    -> Nach kurzer Zeit klingt schöner.

    „Das sorngaltische Volk existierte nicht mehr, alle wurden in der Nacht ihres wichtigsten Festes, Tuhi Abalant, vernichtet.“
    -> Wie heiß es so schön? Das Schicksal ist ein mieser Verräter…

    „Mein Vater ist Fürst Petaroy, der bereits ein Jahr nach Arklats Ankunft in Antordis leidenschaftlich um ihre Hand anhielt.“
    -> Ähm, jaaa… Rache wird zwar überbewertet, aber das… uhi, das ging schnell!

    „Das Haar ist hellbraun wie bei Vater,…“
    -> Stopp! Das passt nicht, das bei ist zu direkt. Da fehlt ein meinem.

    ***
    Okay, kleine Zusammenfassung aller fünf Teile:

    Wow, ich bin echt platt. Deine Kurzgeschichte gefällt mir wirklich gut. Großes Lob! Auch dein Schreibstil ist spitze, man merkt auch was an Büchern dich da so ziemlich stark beeinflusst hat ;-) Du hast mir meine Frage aber immer noch nicht beantwortet: Wie lange schreibst du schon? Für einen fließenden und ausgereiften Schreibstil brauch man ja viel Erfahrung und Übung…
    Ist das jetzt eigentlich nur eine Kurzgeschichte oder kommt da noch was? Ich würde ja letzteres empfehlen, weil der letzte Abschnitt mit seinem Inhalt ziemlich abrupt und unerwartet kommt. Klingt so nach: Hab irgendwie keine Lust mehr oder so… Liegt einfach daran, dass Fürst Petaroy echt schlecht von den Sorngaltiern denkt (Indianer und Weiße lassen grüßen) und schon ein Jahr später über beide Ohren verliebt ist… Du hast so schön angefangen und die Welt schon detailreich aufgebaut und die ersten vier Teile haben sich so ausgereift lesen lassen. Da steckt, glaube ich, schon viel Arbeit drinnen. So was denkt man sich ja nicht über Nacht aus.
    Na ja und jetzt gibt es da einen mehr als holprigen Übergang zu Tarolir, was an sich keine schlechte Idee ist, es liegt mehr daran, dass du ein komplettes Jahr mit einer sehr überraschenden Wendung in einen so kleinen Part gezwängt hast…

    So, ich glaube, das war’s… :-)

    LG Isana

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    1. Danke für dein Feedback!! Na ja, ich schreibe erst seit grob 3 Jahren, immer wieder Geschichten, die ich für mich selbst erzähle. Jetzt mit Sorngaltia habe ich ungefähr 5 Tage gebraucht, um alles auszuarbeiten und das ist die erste, längere Geschichte, die ich jetzt aufgeschrieben habe.
      Eigentlich hab ich keinen Teil 2 zu Sorngaltia geplant, weil ich derzeit eine neue Geschichte angefangen habe ... aber, mal sehen, vielleicht werde ich mir noch eine Fortsetzung ausdenken ;)

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