Samstag, 13. Juni 2015

Fantasy-Erzählung: Der Fall von Sorngaltia (Part 3)


Der Fall von Sorngaltia - Teil 3

Die Menschen in Sorngaltia hatten oft Gesichter mit sehr ausgeprägten Wangenknochen und ihre Finger waren viel länger als der Handteller selbst. Das Besondere an ihnen war ihre Haut - sie war gräulichweiß, fast die Farbe von aufgehellter Asche. Die Adern, die durch die Haut schienen, waren violett, obwohl das Blut ganz gewöhnlich rot war. Alle Sorngaltier hatten blaues Haar, mal heller oder dunkler. Diejenigen, die in tieferen Höhen lebten, hatten meist helleres Haar als die von den höchsten Bergen, wo das Leben kälter und härter war.
Loste war anders. Er hatte grüne Augen, was noch kein Sorngaltier je bei einem Menschen gesehen hatte Sorngaltische Menschen hatten alle graue Augen, die dunkler waren als ihre Haut. Loste war zwischen den Sorngaltiern auffallend wie ein Grünspecht unter Schneeammern. Seine Haut war warm und am ganzen Körper hell und rosig, wo die Adern bläulich unter der Haut schimmerten. Er war empfindlicher für Kälte als die Sorngaltier.
Kaum ging es Loste besser, nachdem Mazit ihn in Jokrats Obhut gegeben hatte, fing er wieder zu sprechen an.

 ,,Wo bin ich?”, fragte er mehr forsch als beiläufig und strich sich das braune Haar weg. Jokrat kam zu ihm, sein seltsames Aussehen übersehend, und untersuchte ihn auf Schäden, die die Kälte hinterlassen haben konnte. Als er gefunden wurde, war er zu leicht bekleidet gewesen - mit einer kurzen Hose und einem braunroten Hemd, an dem blaue Perlen baumelten. Er war ein Mensch, wie man ihn noch nie in den Erinnerungen von Sorngaltias Bergen gesehen hatte.
,,In Sorngaltia, bei der Sippe der Falkbergen. Ich war mal eine Stirnhauerin, doch nun eine Falkbergin”, antwortete sie freundlich, als ein schmetternder Windstoß gegen die Ostseite des Hauses heulte und schlug. Die Häuser hier waren aus Stein, Erde und Holz und tief im Boden eingelassen, um jeder Wetterlage die Stirn zu bieten.
,,Sorngaltia ...”, stammelte der Junge verwirrt und hielt den Kopf zwischen den Händen.
,,Du sprichst unsere sorngaltische Sprache sehr gut. Wo hast du das gelernt? Hier glauben wir nämlich, dass die nächsten Länder mit Menschen auf der anderen Seite der Welt liegen. Näher an der Sonne als dieses bitterkalte Sorngaltia.”
,,Ich kann es einfach sprechen”, stotterte Loste achselzuckend. ,,Ich bin immerhin bereits fünf Jahre alt.” Er sprach die Sätze genau richtig aus, obwohl er an manchen Stellen die Worte zu hart und ruckartig betonte.
,,Hm.” Jokrat war für die Sorngaltier eine schöne Frau und behutsam nahm sie Lostes Gesicht in ihre grauhäutigen Hände. ,,Wunderst du dich nicht, dass wir Sorngaltier anders aussehen als du?”
,,Nein, nicht wirklich. Hellgraue Haut. Graue Augen, die groß sind. Blaues Haar. Eure Zähne sind klein. Da, in deinem Gesicht stehen die Knochen an den Backen spitz ab.”
Jokrat lachte auf und rieb ihm den Kopf .,,Gut beobachtet! Wie bist du eigentlich hierher gekommen?”
Auf diese Frage hin runzelte Loste die Stirn. Mehrere Augenblicke sagte keiner etwas, woraufhin Loste in Tränen ausbrach, weil er sich an nichts erinnerte. Sein Gedächtnis bot keine Erinnerungen, nur quälende Stille. Die Sorngaltier akzeptierten ihn unter sich, der Älteste und die Älteste nahmen ihn feierlich bei den Falkbergen auf und Loste lernte zu leben wie ein echter Sorngaltier. Arklats Familie sah ihn wie einen Sohn an.
Für Arklat war Loste der jüngere Bruder, den sie mit ihrem Leben vor Gefahren schützen würde. Loste täte dasselbe für jeden anderen Sorngaltier, der in Gefahr war. Noch.


,,O Tuhi, dein Glanz erschuf die Welt und du gabst uns deinen Segen, dem Volk von Sorngaltia. Gefährlich ist das Leben, doch wir kämpfen wie das Wabragnan und geben niemals auf”, sprachen die heute Nacht versammelten Jäger und Jägerinnen. Ihre vereinten Stimmen trug die Nacht, um die der Mond einen silbernen Schleier legte, hoch hinaus zu den blass funkelnden Sternen. Es war eine verzauberte Nacht, wie man sie sonst nie zu Tuhi Abalant sah. Die Natur war verwirrend still und ruhig, als lausche sie womöglich auf Gefahr.
Jegliche sorngaltischen Jäger von der Sippe der Falkbergen hatten in der Mitte ihres Dorfes ein großes Feuer entfacht, welches die Zerstörung des alten Jahres darstellte, aus deren Asche das Neue sich erheben würde.

Arklat sprach die nächtlichen Gebete mit, aber ihr Gesicht verzog sich manchmal verräterisch. Um die Mundwinkel zuckten die Muskeln, sie blinzelte oft und runzelte die hohe Stirn. Wie das juckt, dachte sie und stöhnte innerlich. Zu Tuhis Fest bemalten sich alle mit den jeweiligen Farben des Monates ihrer Geburt. Arklat als Tochter des späten Winters hatte auf ihrem Gesicht weiße und blaue, symbolische Zeichnungen. Wölfe jagten auf ihren hellen Wangen und um Augen und Mund zogen Schneeflocken lange Kreise.
Die Farbpulver wurden aus wilden, getrockneten Kräuterwurzeln gewonnen und anschließend mit Wasser vermengt. Der Nachteil der kräftigen Farben war, dass sie auf der Haut kratzten wie dürre, garstige Disteln, die im Hochsommer an Wegesrändern sprossen.
Loste sah unauffällig zu Arklat herüber und hielt anlässlich ihrer Grimassen mit dem Sprechgesang inne. ,,Juckt es?”, wisperte er gerade so laut, dass nur Arklat ihn hören konnte.
,,Ja. Als drücke ich mein Gesicht an den Rücken eines Stachelhasen.”
,,Bei mir ebenfalls. Bäh, aber ich kämpfe dagegen an, mir das Zeug von der Haut zu reißen.” Loste strich mit dem Zeigefinger über die roten Wellenmuster, die sein Gesicht schmaler wirken ließen. Seine Farbe war rot, denn die Älteste hatte aus seinen Händen gelesen, dass er ein Sohn der heißesten Zeit des Sommers war.
Arklat seufzte. Sie und Loste stimmten mit ihren kräftigen Stimmen wieder in den Sprechgesang ein. Das Lied war ein Gebet und eine vollkommene Harmonie, bei der Männer den Gesang des Mondes übernahmen und die Frauen nur durch ihre Stimmen die stärker werdende Sonne darstellten. Vor Arklats innerem Auge tanzten Bilder, die sie in den Bann schlugen. Der silberne Mond tänzelte mal schneller oder langsamer über den Himmel. Er tanzte auf die Sonne zu, die wirbelnd in rotgoldenen Gewändern auf einer Stelle stand. Feuerzungen leckten um die Gestalt der Sonne, die alles im Himmel erleuchtete und wärmte.

Alle Sänger sahen das Bild vor ihren Augen, während ihre Stimmen in weißen Wolken von den Lippen sprangen. Die Schwärze der kalten Nacht wurde zu einer kleineren Angst, der Winter war nun der Gegner, den man mühelos besiegen konnte. Beide Himmelskräfte von Sonne und Mond näherten sich und segneten die Welt der Menschen dazwischen.
Arklat sah und hörte nur den wallenden Sturm feierlicher Gefühle. Ihr wacher Verstand einer guten Jägerin erlag dem Zauber der intensiven Lieder. Jede einzelne Stimme wurde hier zum in der Nachtruhe nachhallenden Bindeglied eines großen Wesens, das alles miteinander verband. Es gab nur das Singen vieler Sorngaltier, die sich langsam und würdevoll zu dem Lobgesang wiegten.

Niemand merkte, wie sich plötzlich der Wind drehte. Der Wind aus Osten, der träge in den Flammen des großen Freudenfeuers mit einzelnen Flammen getanzt hatte, kam zum Stehen wie ein im Sprung angeschossenes Reh.
Heran stürmte ein grimmiger Westwind, der langsam und mit der Beharrlichkeit eines Mörders die dünnen Äste der höchsten Baumwipfel niederbrach. Aufgeschreckte Tiere flohen aus all ihren Verstecken, denn ihre feinen Ohren vernahmen schreckliche Feinde, die näher kamen.
Der Wind trägt Tod und Feind heran, schrie es in dem stummen Ruf der wilden Tiere. Sie rochen schon von weit den Geruch frischen Blutes, gefolgt vom Klagen brennender Bäume. Auf allen Bergen von Sorngaltia erbebte die Erde wegen dem unterdrückten Schmerz jener Geschöpfe, die noch nie von einem stärkeren Feind gemartert wurden. Tod und Feind!
Ganze Familien von dickpelzigen Eichhörnchen sprangen überstürzt von Baum zu Baum. Wolfsrudel sprangen schlagartig aus ihrem tiefen Schlaf, um dann nervös bellend sichere Orte zu suchen. Die schweigenden Vögel des Waldes rissen sich in die Luft und warnten alle in den verschiedenen Zungen der Vogelsprache, dass ein Strom von Blut und Flammen sich über alle Berge ergießen würde.

,,O Tuhi, deine Größe ist wie unser eigen Fleisch und Blut, du erhellst uns wie eine Flamme!” Sorngaltische Jäger, auf deren farbbunten, aschgrauen Haut die Flammen rötlich strahlten, sangen das neue Jahr herbei. Ihr höchster Gott Tuhi wurde gerühmt, bis die Lobpreisung zu einem ekstatischen Jubel verschmolz. Niemand sah, wie im flachen Westland der schwarze Horizont einen roten Widerschein bekam. So rötlich, als brannte dort eine ganze Ebene unter den tödlichen Hieben von feurigen Schwertern und glühenden Speeren ab. Und das war es auch - Sorngaltias westliche Grenze, die kein sorngaltischer Jäger bei Verstand je betrat, wurde gestürmt.

(Fortsetzung folgt... Und wer gleich die ganze Erzählung lesen möchte kann sie hier herunterladen: Der Fall von Sorngaltia - epub/mobi/pdf )  


1 Kommentar:

  1. Hallo!

    Dann kommt hier jetzt meine Meinung zum 3. Teil:

    Der Einstieg passt überhaupt nicht. Mir fehlt der Übergang vom zweiten zum dritten Teil. Ich weiß nicht wie es beim Original aussieht, aber da du hier keine Kapitel hast, finde ich ist der Übergang mehr als holprig. Du könnest hier ein neues Kapitel anfangen, denn wenn du Kapitel einführst, dann würde der Einstieg auch passen.

    Der zweite Abschnitt gefällt mir persönlich überhaupt nicht. Lostes Verhalten ist meiner Meinung nach zu unrealistisch. Er ist ein Kind von fünf Jahren und kann sich an nichts erinnern. Ich finde er benimmt sich zu erwachsen und zu sicher für seine Situation. Auch der Begriff ‚forsch‘ passt nicht, ich würde eher ‚unsicher‘ vielleicht auch ‚ängstlich‘ nehmen. Auch Jokrat benimmt sich nicht einfühlsam genug. Ich meine, wer interessiert sich schon in solch einer Situation, ob sie nun eine Falkbergin oder eine Stirnhauerin ist. Als Alternative könnte sie beruhigend auf ihn einreden und ihn nicht mit Fragen löchern auf die er sowieso keine Antwort weiß… Denn woher soll Loste auch wissen warum er so gut die sorngaltische Sprache sprechen kann oder wie die Sorngaltier aussehen oder wie alt er ist, wenn er sich doch an nichts erinnern kann.

    Der Rest des dritten Teils ist fabelhaft! Super dargestellt und sehr poetisch geschrieben! Man merkt deutlich, dass die Spannung steigt, vor allem im letzten Abschnitt. Du hast eine wirklich gute Atmosphäre aufgebaut und ich konnte mir alles richtig gut bildlich vorstellen! So langsam bin ich auch von der brennenden Stadt in tiefster Nacht, die innerhalb kürzester Zeit wortwörtlich dem Erdboden gleichgemacht wird, überzeugt.


    Liebe Grüße,
    Isana

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