Donnerstag, 11. Juni 2015

Fantasy-Erzählung: Der Fall von Sorngaltia (Part 2)

Der Fall von Sorngaltia - Teil 2

Den Jungen hatte Arklats Onkel Mazit vor inzwischen sieben Jahren in einem harten Winter, in dem die meisten Leute wegen Hunger oder Kälte gestorben waren, gefunden. Es war der längste Winter Sorngaltias gewesen, als die Ungeheuer sich wie die Stachelhasen vermehrt hatten und jeden hilflosen Sorngaltier töteten. Der Onkel, damals noch ein ganz junger Mann, hatte in den tosenden Unwettern sein Wabragnan verloren und irrte verloren, frierend in dem mörderischen Weiß umher.

Er erzählte später gerne diese Geschichte, wenn seine Nächsten bei abendlichen Gesprächsrunden versammelt waren und das bittere Bier tranken, das in den tieferen Bergestälern gebraut wurde. Das sorngaltische Geheimnis für den herben, aufwärmenden Geschmack hing mit dem robusten, wilden Hopfen zusammen, der vereinzelt in den Bergen wuchs.

,,Alles war kalt und weiß wie der Tod. Ich stand tatsächlich kurz davor, alle Waffen niederzulegen. Denn mein Leid war so groß, dass ich mich nur nach einem schnellen Ende sehnte. Als ich bereits zu Boden fallen wollte und glaubte, ich würde nun in Tuhis Ewige Hallen einziehen, erschien etwas Schreckliches. Begleitet von einem kindlichen Angstschrei, der den Lärm des Windes vertrieb, flammten vor mir drei grasgrüne Augen auf. So ein Grün saht ihr noch nie! Die Farbe war glühend und bohrte sich in mich, als wollte das Ungeheuer meine Seele verzehren. Die Stärke Tuhis, steh mir bei!, schrie ich heiser krächzend und richtete mich zitternd auf.”

Direkt vor Mazit schälte sich ein Ungeheuer aus dem Sturm, dessen warmer Atem aus den Nüstern den Schnee zu seinen Klauen auftauen ließ. Die Statur war die einer riesigen Eidechse mit drei Augen, während das längliche Gesicht von einer schwarzen Mähne gepeitscht wurde. Am ganzen Körper waren die glasklaren Schuppen mit spitzkantigem Raureif überzogen.
,,Ich glaubte, ich sah einen Dämon. Kein seltsames Tierwesen, wie es die Ungeheuer eigentlich sind. Nein, vor mir stand ein Dämon der Kälte, der als blutrünstiger Unhold aus dem Reiche der Unseligen Toten verbannt wurde.” In der Erinnerung daran, wie Mazit die Geschichte erzählte, sah man ihn eine zweischneidige Axt nehmen. Die blitzblank gewetzte Klinge gab einen singenden Klang von sich, als Mazit mit dem Zeigefinger über die Schneide glitt und ernst seine Zuhörer ansah.
,,Das einzige, was mich am Leben hielt, war die pure Angst eines Menschen, der einen brutalen Tod fürchtete. Und Waffen aus Eisen und Stahl bewahrten davor, in Stücke gerissen im Schnee zu gefrieren.”
Das Herz von Mazit wurde von panischer Angst erfüllt, sobald er das Untier erblickt hatte. Große Furcht brannte in seinen starren Gliedern. Kein Fell und keine dickes, wollenes Futteral wärmte ihn oder seinen Mut, der wie ein Streichholz erlosch.
,,Der Feind Tuhis musste mich gesehen haben, weil ich selber das Leuchten seiner grünen Augen sah. Ich rechnete mit einem schrecklichen Kampf, den ich verlieren würde. Aber nein! Der Feind Tuhis starrte verwirrt einen kleinen Jungen an, der nur in Hemd und Hose gekleidet war und im Schnee lag. Ein Kind, aber ich Verlorener hatte kaum noch Zeit zum Denken ...”

Denn - so fiel es Arklat ein, als sie Loste unwillkürlich umarmte und er es sich gefallen ließ - danach hatte ihr Onkel Mazit augenblicklich sein Schwert gezogen. Vor Zorn brüllend hatte er sich gegen Sturm und Ungeheuer geworfen, obwohl er wusste, dass es sein letzter Kampf werden konnte.

,,Ich wurde Teil des Sturmes”, erzählte ihr einst Onkel Mazit. Seine Stimme war ein verschwörerisches Flüstern, wobei er sich vorbeugte. ,,Ich bewegte mich mit dem Wind und den Schneeflocken. Ich war ein Sorngaltier, der zum ersten Mal die Kraft seiner Heimat spürte. Die Erde gab mir Stärke und mein Glauben wuchs wie eine Knospe im Frühling.”
Jegliche Augen durchbohrte Mazit, bis aus dem Haupte des Feindes Tuhis das Blut nur so quoll. Rot war der Schnee gewesen und noch warm vom dampfenden Blut, als Mazit den kleinen Jungen aufhob. Bewusstlos lag er in Mazits Armen, der nach dem Kampf mehr Stärke als Erschöpfung verspürte.

,,Es war ein Moment der Hoffnung”, hatte Mazit später gesagt. ,,Meine Gefühle zu diesem Zeitpunkt sind unbeschreiblich. Aber eines weiß ich gewiss. Damals entfaltete sich etwas in meiner Brust und schlägt noch heute dort im Gleichklang mit meinem Herzen - Hoffnung.”
Mazit hüllte den Findling in seine eigenen Felle, bis es aussah, als hielte er ein Bärenjunges in seinen Armen. Wie durch Zauberei oder die Kraft des Schöpfers Tuhi fand Onkel Mazit den Weg zum Dorf seiner Sippe, den Stirnhauern. Doch, so jung wie er war, wusste er nicht, wie er sich um den Kleinen kümmern konnte, der reglos zwischen den Fellen verborgen lag. Deshalb durchwanderte Mazit die ganze Nacht, ehe er in der eisigen Luft den Rauch der Öfen von den Falkbergen witterte.

Mazit erschauderte später beim Erzählen, wenn es zu dieser Stelle kam. ,,Ich war hart wie ein Eiszapfen auf zwei Beinen, dessen Gewänder voller Blut und Eingeweiden war”, raunte er seinen Zuhörern gedämpft zu. ,,Fest und hart, aber bereit, jeden Moment in Splitter zu zerfallen. Nur mein Wille hielt mich am Leben, aber der Tod war in dieser Nacht bereits hinter mir her gewesen. Ich war seine Beute, aber entwischte ihm dennoch.”
Seine Schwester, Arklats Mutter Jokrat, war nach ihrer Heirat zu den Falkbergen gezogen, wo sie bereits eine kleine Tochter hatte. Halb erfroren stürzte Mazit zu Jokrat ins Haus, wo er den Jungen vor den wärmenden Herd legte. Und erst da, als Farbe in das Gesicht des Jungen kam und sein von Angst gelähmtes Bewusstsein zurückkehrte, fielen Schwester und Bruder alle Unterschiede auf. Der gefundene Junge war kein Sorngaltier.

,,Loste”, wiederholte Arklat gedankenversunken. Das war das Wort gewesen, das der Junge vor sieben Jahren als erstes gesagt hatte. Loste, seinen Namen, aber mehr auch nicht. Sein Gedächtnis und alle Erinnerungen waren fort und wie Neuschnee zerstoben. Nur manchmal kamen ihm unwillkürliche Handlungen in den Sinn, die er für sich selbst nicht erklären konnte - es sei denn, sie stammten aus seinen von Kampf, Winterskälte und Blut vertriebenen Erinnerungen.

Arklat hatte Loste immer als ihren jüngeren Bruder betrachtet, von Anfang an. ,,Ich wollte nicht daran erinnern ...”, begann sie zu beteuern, ,,dass ...”
Loste grinste sie unverschämt an und wand sich aus ihren Armen. ,,Dass mein Kopf leer ist? Das weiß ich auch so bereits. Ohne eine besserwisserische Jägerin, die nur neidisch ist wegen der tollen Falle, die ich gemacht habe.” ,,Das erwähnte ich wiederum nicht”, lachte Arklat. ,,Du bist nicht anders als die sorngaltischen Leute hier, Loste, nur besonders. Außerdem, gib mir meinen Speer wieder.” ,,Hol ihn dir, Zielerin!”, spöttelte Loste und rannte los, den Wurfspeer in beiden Händen. Der schwere Schnee war kein Hindernis für ihn, wie ein Wabragnan durch die Schneedecken zu springen. ,,Beweise mir, dass du die beste Jägerin bist!”
,,Loste!”, rief Arklat aus, zu einem Teil streng und zu vier Teilen belustigt. Durch den dicken Schnee zu rennen war nicht leicht mit den schweren Stiefeln aus Leder und Pelz, deren Sohlen aus wärmenden Holz bestanden. ,,Ich krieg dich!”

Aus der Ferne - Loste war ein verdammt schneller Renner, selbst im Schnee - hörte sie ein schrilles Wiehern, gefolgt von Lostes: ,,Hüaaah!”
Zwischen den gleichmäßigen Reihen von Bäumen, die in dem stillen Wintersmorgen schwiegen, sprang ein wabragnan hervor. Diese Art Pferd war einzigartig und ein Symbol für Sorngaltia. Ein Wabragnan war für gewöhnlich um eine Elle größer als ein Stier, dessen Kraft in allen Muskeln des länglichen Körpers verborgen war. Grau wie Kieselsteine kamen sie als Fohlen zur Welt, ehe im Alter das Fell schwarz wie Kohle wurde. Je älter ein wabragnan war, umso größer und gewundener wurden seine drei Hörner.

Arklat lachte laut auf, als Loste auf dem Wabragnan, das Arklats Vater gehörte, aus dem Wald gestürmt kam. Loste hielt sich mit einer Hand an der Mähne fest, die andere schwenkte den Speer um seinen Kopf. Die verharschte Schneedecke zerbarst förmlich unter den Hufen des galoppierenden Reittieres. Kaum kam das wabragnan in die Nähe von Arklat, die sich scheinbar erschöpft auf die Knie stützte, spannte sie alle Muskeln an, sprang und entriss Loste den Speer. Er wollte sich lachend wehren, doch Arklat riss ihn vom Rücken des Wabragnans. Die Dünen aus aufgetürmten Schnee wirbelten um sie beide, als sie keuchend am Boden liegen blieben. Der umkämpfte Speer war mehrere Schritte entfernt in einer Schneewehe senkrecht stecken geblieben.

Das Wabragnan schüttelte den dreihörnigen Kopf und trat schnaubend zu ihnen, wo es beiden Jägern ins Gesicht blies. Loste atmete laut auf und band sich die Stiefel fester um die Hosen. ,,Lachte das Wabragnan uns soeben aus?” ,,Wohl kaum”, entgegnete Arklat augenrollend und sprang auf die Füße. Sie klopfte sich den Schnee von der Kleidung, ehe sie zum Wabragnan ging. Unterwegs hob sie ihren Wurfspeer auf und steckte ihn in die Halterung, die sie seitlich von ihrem Körper trug. Die Waffe immer griffbereit zu haben war eine der Grundlagen, die sie bereits früh von den anderen sorngaltischen Jägern gelernt hatte.
,,Und falls es das wirklich täte ...”, überlegte sie, den Hals des Pferdetiers klopfend. ,,Falls wirklich, dann hast du zu viel Schnee in den Ohren. Lachende Wabragnane! Als ob deren Sturheit nicht schon ausreichend wäre.”

Loste stand langsam auf, den Blick auf die Umgebung gerichtet. Glänzend. Zeitlos. Unbewegt. Nur drei Worte reichten aus, um die Atmosphäre eines ruhigen Wintertages in Sorngaltia zu beschreiben. Alle Berge sahen aus wie das unbewegte Fell eines Weißfuchses im Tiefschlaf.
,,Warum sind nicht alle Winter in Sorngaltia so?”, ärgerte er sich milde. ,,Nur schön und nicht gefährlich. Wo nicht jeder Winter dein letzter sein kann.”
,,Das hier ist Sorngaltia. Da kannst du nichts anderes erwarten, Loste.”
,,Und wenn du im Winter nicht in den Gedärmen eines Feindes Tuhis landest oder erfrierst, dann kann man ja noch im Sommer ersaufen. Wunderschön.” Arklat grinste verstohlen und schwang sich hoch. ,,Wunderschön, wirklich.”
,,Ist ja schließlich Sorngaltia.” Arklat hatte für Loste ihre Hand ausgestreckt, die er packen sollte, um hinter ihr auf dem Rücken des wabragnans Platz zu nehmen. ,,Ganz genau, Sorngaltia. Reiten wir wieder heim, heute Nachmittag schauen wir dann wieder an der Falle vorbei, ob sich ein Kaninchen gefangen hat. Und am Abend ...”
,,Tuhi Abalant quar ofe nabre u-alemezan taki Hnavalo an Salohin era’sazija. Tuhis Fest, wenn Sonne und Mond in ihrem Tanz sich wieder zum Sommer wenden.” Loste ergriff ihre unbehandschuhte Hand. Ihre Finger verschränkten sich zu einem Bund von langjähriger Freundschaft und gemeinsamer Kraft.
 Arklat verspürte den Hauch eines Stichs, weil Loste so anders war als alle Sorngaltier. Er und seine Herkunft waren ein bisher ungelüftetes Geheimnis.

,,Anti-quar su’brilanet Diwapril, kurdet vazabralt er-tinasnorv”, vollendete sie rasch die feierliche Wortformel, um ihr kurzzeitiges Gefühl von ... Ja, von was? Welches Gefühl wollte sie unterdrücken? Sie wusste es nicht. Und wenn ein neues Jahr beginnt, nach dem Schmerz des Winters. Wenn Arklat doch nur wüsste, was diese Nacht bringen würde. Nicht Schmerz, sondern den Tod eines ganzen Volkes. Von ganz Sorngaltia.

(Fortsetzung folgt... Und wer gleich die ganze Erzählung lesen möchte kann sie hier herunterladen: Der Fall von Sorngaltia - epub/mobi/pdf

1 Kommentar:

  1. Hallo!

    Toller zweiter Teil, aber:

    „…noch ein ganz junger Mann…“
    => Ganz würde ich weglassen, junger Mann reicht.

    „Am ganzen Körper waren die glasklaren Schuppen mit spitzkantigem Raureif überzogen.“
    => Wie darf man sich spitzkantigen Raureif vorstellen?

    „Große Furcht brannte in seinen starren Gliedern. Kein Fell und keine dickes, wollenes Futteral wärmte ihn oder seinen Mut, der wie ein Streichholz erlosch.“
    => Wie ein Streichholz erlosch… Klasse Beispiel! Wobei er den ja eigentlich schon viel früher im Sturm verloren hat…

    „Der Feind Tuhis starrte verwirrt einen kleinen Jungen an, der nur in Hemd und Hose gekleidet war und im Schnee lag.“
    => Warum ist der Dämon verwirrt?

    „…danach hatte ihr Onkel Mazit augenblicklich sein Schwert gezogen. Vor Zorn brüllend hatte er sich gegen Sturm und Ungeheuer geworfen, obwohl er wusste, dass es sein letzter Kampf werden konnte.“
    => Das leuchtet beim Lesen nicht wirklich ein. Denn gerade eben hatte er noch Furcht und sein Mut ist auch flötenpiepen gegangen. Woher hat er denn jetzt den Tatendrang das Ungeheuer zu töten? Vielleicht solltest du eher auf seine Angst vorm Sterben oder so eingehen und das als treibende Kraft nutzen, die er zum Kämpfen braucht.

    „Nicht Schmerz, sondern den Tod eines ganzen Volkes. Von ganz Sorngaltia.“
    => Das ist auch noch nicht wirklich klar. Ich denke die kennen sich mit harten Wintern aus? Wieso sollten die jetzt auf einmal sterben?

    Erstmal klasse Einstieg! Der Aufbau dieses Teils ist auch wirklich gut strukturiert und Wortwahl sowie Formulierungen der Sätze wie im Teil zuvor mehr oder weniger einwandfrei! Ist wirklich gut, auch das es langsam aber sicher an Fahrt aufnimmt!
    Dann werde ich mir jetzt auch als Nächstes den dritten Part vorknöpfen ;-)

    Liebe Grüße,
    Isana

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