Freitag, 22. Mai 2015

Rezension: Lasst uns schweigen wie ein Grab von Julie Berry (Thienemann)

7 junge Damen in einem Mädchenpensionat 1890 - ein Mord, viele Lügen, großes Schweigen!

Ihre Namen sagen alles über sie aus. Roberta ,,Liebenswert", Elinor ,,Düster", Louise ,,Pockennarbig", Kitty ,,Schlau", Alice ,,Robust", Martha ,,Einfältig" und Mary Jane ,,Ungeniert". Sie alle sind noch jung, aber nach damaligen viktorianischen Verhältnissen, die strenge Erziehung für Damen vorsieht, zeigen sie alle Neigungen, welche sich nicht für ,,junge Damen ziemen", um sich steif wie ein Besenstiel auszudrücken.

Deshalb sind sie alle zur Erlernung des wahren, ordentlichen ,,Damenseins" im Mädchenpensionat Saint Etheldreda im kleinen Städtchen Ely.

Die Schulleiterin ist die 62-jährige Constance Plackett. Sie speist an einem ruhigen, sonntäglichen Nachmittag mit ihren Schülerinnen und Mrs. Plackett's Bruder Aldous Godding. Die Überraschung ist groß (aber zurückhaltend und wohlerzogen), als aus heiterem Himmel Schulleiterin und ihr Bruder nach einem Bissen Kalbsfleisch tot umkippen.Es war Gift, um genau zu sein Zyanid, wie es die wissenschaftliche Louise in ihrem Labor entdeckt.

,,Tot, würde ich sagen", stellte Elinor Düster fest.

Nun stehen die 7 Mädchen vor einer großen Frage. Wilde Vorstellungen eines von ihnen geleiteten Internates flammen vor ihnen auf, rebellische Ideen keimen. Also beschließen sie, einfach über den Mord den Mantel des Schweigens auszubreiten. Natürlich ist ihr Plan nicht die Art von Vorhaben, die reibungslos funktionieren wird. I wo, das ist unmöglich, die Probleme fangen erst richtig an. Denn sie müssen klären, dass Mr Godding plötzlich nach Indien abgereist ist und Mrs Plackett wird durch die schauspielerisch talentierte Alice Robust täuschend echt ersetzt. 

Sehr rasch merken die Mädchen, dass ihr Wunschleben (welches auf ganzen Wäldern von Lügen und Notlügen fußt) gar nicht traumhaft ist - und wie lange können sie Ruhe und Schweigen wahren, wenn der Giftmörder (oder die Giftmörderin) noch auf freiem Fuße ist und sogar der falschen Constance Plackett nach dem Leben trachtet?

Die Versuche, den Mord aufzuklären, führen die jungen Damen von Saint Etheldreda in ein davor verstecktes Netz aus präparierten Küchenpfannen, Glücksspielen und - wie es zu erwarten war - kleinen Liebesbeziehungen, bei denen jegliche Hürden durch einen gezielten Mord beseitigt werden könnten. Wem kann man vertrauen? Wann platzt das hirnrissige Vorhaben, das Kitty Schlau nach dem Vergraben der zwei Leichen im Gemüsegarten angezettelt hat?
Tja, allzu schnell!
Eigentlich halte ich auf Kriminalromane keine großen Stücke - es sei denn, wie haben einen skurrilen Humor, der mich unter anderem zur phänomenalen ,,Flavia De Luce" geführt hat. 

Ähnlich ist da Julie Berry's ,,Lasst uns schweigen wie ein Grab!"
Betrachtet man rein objektiv die Handlung, kann sie zu Anfang so erscheinen: fein zurückhaltend, als da plötzlich zwei Leichen auf dem Boden liegen und die guten Manieren zuerst noch überwiegen. Doch zunehmend entwickelt sich ein fein gesittetes Abenteuer, dominiert von der Frage, wer denn der Mörder sei. Zu dieser Frage verrate ich, dass es da eine gute Überraschung geben wird, sobald alle Puzzleteile ineinander passen. Nun, in ,,Lasst uns schweigen wie ein Grab" kam es mir gegen Ende eher vor, als würde die Autorin den Leser mit unzähligen Puzzlestückchen überschütten und dass diese zufällig das richtige Bild ergeben.
Mein kritischer Blick in puncto Humor verweilt lange und zufrieden in Lachmomenten schwelgend (wie allegorisch ausgedrückt!) auf diesem Buch. So ordentliche Ironie und sarkastische Wortkomik wird bei mir hoch aufgewogen. Also ist dieser schön britische Krimi mit seinem typischen Flair der damaligen Zeit unter Lobesworten in meine Hände geglitten.
Der Schreibstil ist auch ein indiskutabler Beweis für die ironische Raffinesse der Autorin. Es ist gut, dass man abwechselnd aus der Sicht aller sieben Mädchen auf das Geschehen blickt, Nicht nur, dass die komischen Schrullen einer jeden zur Geltung kommen. Man erfährt dabei noch viel mehr ...

Eine Empfehlung ist ,,Lasst uns schweigen wie ein Grab" an alle Lachfreudigen und jene, die sich gerne mit Krimis beschäftigen. Bei einem so guten Buch kann man aber mehr schlecht als recht schweigen. Ich zumindest schweige nicht darüber!
Der Gentleman verbeugt sich tief und lupft den Hut, die elegante Lady knickst anmutig und ich überreiche Julie Berry's Buch 4 Sterne vom Wert aller alten Golddublonen dieser Welt und aller Schätze aus fernen Ländern hinter dem Meer.

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