Freitag, 22. Mai 2015

Rezension: Die Wand von Marlen Haushofer (List)

Überleben in der Wildnis, wenn die Menschheit hinter der Wand versteinert

Eine Frau um die Vierzig mit Liebe zur Natur wollte eigentlich nur drei Tage mit ihren Bekannten in einer Jägerhütte verbringen, inmitten eines österreichischen Talkessels, der von Wäldern und Bergen umrandet ist. Pure, schöne Natur, die sich schnell in einen Kampfplatz ums Überleben wandelt, wenn die menschliche Existenz um ihr Dasein mühevoll, langsam fristet, den Naturgewalten ausgeliefert und in der ewigen Frage, wie man sich am Leben erhalten soll. Es kommt also ganz anders wie geplant, als diese Frau an einem sonnigen Morgen plötzlich ganz allein erwacht, abgesehen von Luchs, dem treuen Hund des Jägers.
Unbewusst weiß sie, dass sich ab nun ihr Leben verändern wird. Auf der Suche nach ihren Bekannten stößt sie dann plötzlich auf ein kaltes, glasiges, glattes Etwas, das sie nicht weitergehen lässt. Es handelt sich um eine undurchdringliche Wand, hinter der alle Menschen und Tiere plötzlich versteinert - oder gar tot - sind. Die Natur holt sich ihre Gebiete zurück, während innerhalb der von der Mauer abgetrennten Gebieten sich anscheinend der letzte Mensch dem Überleben in der ungezähmten Wildnis stellt.


... Wir waren in eine schlimme Lage geraten, Luchs und ich, und wir wussten damals gar nicht, wie schlimm sie war ...


Nach harten Momenten der Selbstbesinnung beginnt für die namenslose Frau der Kampf ums Überleben. Sie besitzt ein Jägerhaus, so manche Vorräte und Munition und bald eine wachsende und sinkende Anzahl von Tieren, die ihr Gesellschaft leisten und Halt bieten. Auf Zeitpunkte der schier unüberwindlichen Verzweiflung folgen strategische Überlegungen, wie sie sich ernähren soll, wie sie überlebt mit einem Leben in der freien Natur. Und sie merkt die Schönheit der Natur, deren abhängige Gefangene sie wird, als Mensch, der sich zur Wildnis notgedrungen bekennt.
Ihre Tiere sind der anhängliche, lebensfrohe und ,,menschensüchtige” Luchs; die dahergelaufene Kuh Bella und ihr Sohn, der Stierkalb; die Katze und deren Kinder, die allzu schnell gehen, besonders die schneeweiße Perle, die rasch fällt im Kampf ums Überleben, weil ihr reinweißes Fell ihr Verderben ist.

Die Frau, die mit Bleistift auf Papieren ihre Geschichte aufschreibt, wird zu einem Menschen, der sich dem Leben in der Natur anpasst. Sie wird Jägerin, legt einen Acker an, erntet Heu, pflegt ihre Kuh und schafft es mit mühseligem Aufwand, nicht in den Wahnsinn zu stürzen, sondern zu überleben.
Denn die Wand steht unerbitterlich, unsichtbar, undurchdringlich und grenzt die Frau in ihrem Wald, mit Schlucht, Berg und Bach, ein, während hinter der Wand jeder Mensch und jedes Tier leblos wie Stein ist, während die Natur alles zuwachsen lässt.

Mit der ,,Wand” von Marlen Haushofer lernte ich eine spannende, eindrucksvolle Geschichte kennen, deren Naturschilderungen eindrücklich wie wahre Bilder sind. Die Thematik ,,Überleben in der Wildnis” reizt mich besonders, denn auch im wahren Leben kann man beweisen, dass Menschen, wenn es hart auf hart kommt, selber Teil der Natur werden, wenn es um die Existenz geht. Manch einer mag denken, dieses Thema sei spannungslos oder uninteressant - ,,da ist halt eine Frau, die einen Acker pflanzt, sich um Tiere pflegt und mitten in der Natur lebt.” Nein, diese Aussage trifft definitiv nicht auf ,,Die Wand” zu, denn dieser Klassiker hält eine weite Auswahl an Leseeindrücken bereit, die mich faszinierten und neugierig machten.

Das Coverbild ist auch sehr schön, finde ich - es drückt sofort etwas ,,Natürliches” aus, Ruhe und eine gewisse ,,Gedankenlosigkeit”, ich beschreibe es mal so. Vielleicht treffe ich den Eindruck mit den Worten ,,Ruhe” und ,,Stille Einsamkeit” aus.

Der Schreibstil ist klar und regt zum Schmunzeln an, was ich oft erlebte, und spiegelt den Charakter der Frau wieder : nicht planlos, jähzornig manchmal, verzweifelnd, aber nicht bereit, aufzugeben. Sie schreibt ihre Geschichte auf, wie eine Art Bericht und - was mir gefiel- in der Hoffnung, dass eines Tages Menschen ihre Zeilen lesen würden.

Ein wenig unsicher bin ich in der Frage des Genres, um das es sich bei der ,,Wand” handelt. Ein ,,normaler” Roman ist es für mich nicht und erst recht nichts aus dem Bereich der Phantastik (abgesehen von der Wand und der Leblosigkeit der restlichen Welt).
Das Ende dieses Buches war einleuchtend, aber auch schade, weil noch viele Fragen offen stehen, nachdem der eine Mann plötzlich auftauchte und zu dem Leidwesen der Leser Blut eines tapferen Helden floss, den ich am meisten bedauerte ... Das Ende des Buches mit den sprachgewaltigen Naturschilderungen bestand darin, dass der Frau an einem Winterstag die Blätter ausgehen.

,,Die Wand” ist sicherlich nicht nur für mich ein großes Leseereignis gewesen, denn dieses Buch erstaunte und begeisterte mich!

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